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Langenthal entwickelt sich weiter – die Reformierte Kirche gestaltet mit

Die Reformierte Kirchgemeinde Langenthal steht vor grossen Herausforderungen: Rückläufige Einnahmen aus Kirchensteuern, steigende Austrittszahlen und ein sanierungsbedürftiges Zwinglihaus im Norden der Stadt stellen den Kirchgemeinderat vor bedeutende Entscheidungen. Doch anstatt sich dem Wandel passiv hinzugeben, nimmt die Kirchgemeinde ihre Zukunft aktiv in die Hand. Mit einer Steuergruppe und einem breiten Beteiligungsprozess soll die beste Lösung gefunden werden – für die Kirchgemeinde, für das Quartier und für die Stadt Langenthal.

 

 

Dieser Artikel ist am 25. März 2025 in der Lokalzeitung Unter-Emmentaler erschienen.

 

Langenthal verändert sich, und damit auch die Rahmenbedingungen für die Reformierte Kirche. Der Kirchgemeinderat rechnet damit, dass die Einnahmen aus Kirchensteuern in den kommenden 15 bis 20 Jahren um bis zu 50 Prozent zurückgehen werden. Besonders der prognostizierte Wegfall der Steuern von juristischen Personen, die rund 20 bis 30 Prozent der Einnahmen ausmachen, dürfte schwer wiegen.

Gleichzeitig steht das rund 45 Jahre alte Zwinglihaus vor einer umfassenden Sanierung. «Die notwendigen Renovationen würden vier bis fünf Millionen Franken kosten – Geld, das wir nicht einfach so auf der hohen Kante haben», sagt Markus Zahnd, Kirchgemeinderat und Immobilien-Verantwortlicher. Dabei ist das Zwinglihaus von grosser Bedeutung: Es ist neben dem Geissberg das zweite kirchliche Zentrum in Langenthal und stellt eine wichtige Präsenz der Reformierten Kirche im Quartier Hard sicher.

Hinzu kommt, dass die Kirchgemeinde über eine wertvolle Ressource verfügt: 15'000 Quadratmeter Landreserven, die direkt an das Zwinglihaus angrenzen. Diese Flächen bieten Chancen, müssen aber klug genutzt werden. «Wir brauchen nachhaltige, tragfähige Lösungen», so Zahnd weiter.

 

Reformierte Kirche als Partnerin der Stadt

 

Parallel zu diesen Überlegungen treibt die Stadt Langenthal die Entwicklung des Gebiets Hard nördlich der Bahnlinie voran. Ein zentrales Element dabei: Im Bäregg soll ein neues Quartierzentrum entstehen.

«Es gibt nördlich der Bahnlinie keinen wirklich gestalteten öffentlichen Raum», erklärt Volker Wenning-Künne, Leiter Fachbereich Stadtentwicklung Langenthal. «Die Chance, hier mit dem Zwinglihaus als Bestandteil eines Quartierzentrums etwas zu bewegen, ist einmalig.»

Die Reformierte Kirche Langenthal steht damit vor einer fast logischen Konsequenz: Das Zwinglihaus muss sich in diese Entwicklung einfügen und als multifunktionaler Treffpunkt für das Quartier Hard neu gedacht werden. Ein einfaches kirchliches Zentrum reicht nicht mehr aus – es braucht eine breitere Nutzung.

 

Der Begleitgruppen-Prozess: Gemeinsam Zukunft gestalten

 

Um die besten Lösungen zu finden, wurde eine Steuergruppe ins Leben gerufen. Sie besteht aus Mitgliedern des Kirchgemeinderats, aus Vertretern der Bevölkerung sowie aus Mitarbeitenden der Kirche. Diese Steuergruppe hat einen breit angelegten Begleitgruppen-Prozess gestartet, der die Bevölkerung aktiv einbindet.

Beim ersten Workshop am 27. Februar 2025 wurde rasch klar: Die Menschen wollen das Zwinglihaus nicht aufgeben. Rund 80 Personen waren an dem Abend, der mit einem Informationsteil für die breite Bevölkerung angereichert war, zugegen. «Unsere Vision ist klar: Wir möchten langfristig im Geissberg und im Hard präsent bleiben», betonte Pfarrer Cédric Rothacher. «Doch wir müssen lernen, stärker auf eigenen Beinen zu stehen.»

Beim zweiten Workshop am 17. März 2025 ging es um konkrete Fragen: Welche Funktionen soll das neue Zentrum erfüllen? Wie kann es mit dem benachbarten Coop-Gebäude zu einem echten Treffpunkt für das Quartier werden? Die Ideen reichten von einem schlichten Sakralraum bis hin zu einem offenen Begegnungszentrum für alle Generationen, Gesellschaftsschichten und kulturelle Bevölkerungsgruppen.

Der dritte Workshop am 23. Juni 2025 wird sich mit der Nutzung der Landreserven befassen. Bereits heute ist absehbar, dass auf diesen Flächen Wohnungen entstehen müssen. «Will die Reformierte Kirche ihre Finanzen langfristig sichern, bleibt ihr kaum eine andere Wahl, als Wohnungen auf den Landreserven zu realisieren», erklärt Peter Waser, Mitglied der Steuergruppe. «Die Einnahmen aus Kirchensteuern brechen weg, das müssen wir kompensieren.»

 

Zwischen wirtschaftlicher Realität und kirchlichem Auftrag

 

Die Reformierte Kirchgemeinde muss dabei eine schwierige Balance halten. Einerseits braucht es wirtschaftlich tragfähige Lösungen, andererseits dürfen kirchliche und soziale Werte nicht verlorengehen. «Es ist ein Spagat», räumt Pfarrer Rothacher ein. «Wir müssen wirtschaftlich denken, aber auch unsere Werte bewahren.»

Neben der reinen Wohnnutzung soll deshalb auch ein Teil der Flächen für soziale und kirchliche Zwecke reserviert bleiben. «Wir möchten einen Ort schaffen, der nicht nur Rendite bringt, sondern auch Begegnung und Gemeinschaft ermöglicht», so Markus Zahnd.

Bis zur Kirchgemeindeversammlung am 4. Juni 2025 sollen die Eckwerte der neuen Immobilienstrategie festgelegt werden. Bis Ende des Jahres soll die endgültige Abstimmung erfolgen.

 

Vieles ist vorgegeben – doch Gestaltungsspielraum bleibt

 

Trotz aller Partizipation muss man realistisch bleiben: Viele der Entwicklungen sind bereits vorgezeichnet. Die Stadt sieht vor Ort unter anderem ein Quartierzentrum Hard vor. Sinnvollerweise wird mit dem anstehenden Umbau des Zwinglihauses dieser Absicht entsprochen. Auch die Notwendigkeit, die Landreserven für Wohnbauten zu nutzen, ist kaum umstritten.

Doch das bedeutet nicht, dass die Kirchgemeinde keine Gestaltungsfreiheit hat. Sie kann darüber entscheiden, wie dieses Quartierzentrum in Zusammenarbeit mit der Stadt konkret aussieht, welche kirchlichen Angebote erhalten bleiben und welche Schwerpunkte gesetzt werden.

«Wir sind der Entwicklung nicht einfach machtlos ausgesetzt», sagt Cédric Rothacher. «Wir haben Möglichkeiten, unsere Visionen einzubringen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.»

Langenthal verändert sich – und die Reformierte Kirchgemeinde gestaltet diesen Wandel aktiv mit. Die Herausforderungen sind gross, aber die Chancen ebenso.

 

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